Die Stadt als Galerie - Vernissage 5

Positionen zeitgenössischer Fotografie:
Diese umfangreiche Ausstellung bietet einen Überblick über aktuelle Fotokunst in ihren verschiedensten Ausprägungen, im Kärntner Raum und darüber hinaus. In der breit gefächerten Vielfalt von 14 Künstlerinnen und Künstlern, aus mehreren Generationen, lassen sich einige Gemeinsamkeiten und Schwerpunkte erkennen, wie zum Beispiel die sehr unterschiedlich angewendete Technik der Foto-Collage, oder die Auseinandersetzung mit den Eigenschaften der Fotografie als "Wirklichkeit". Collage ist an sich seit jeher ein subversives Verfahren, in dem ursprünglich einander fremde, aus ihrem Kontext gerissene Einzelteile zu einem unvermuteten Ganzen mit neuen Bedeutungen zusammengefügt werden. Fotografie eignet sich besser als viele andere Kunstformen zur nahtlosen Verschmelzung von Bestandteilen verschiedener Herkunft, die als neues Ganzes viele Überraschungen und auch Provokationen beinhalten kann. Fotografie wird oft als "ein Stück Wirklichkeit, wie aus der Zeit geschnitten" betrachtet, und diesem Aspekt widmet sich ebenfalls eine Anzahl der hier vertretenen KünstlerInnen. Die Interpretationen dieser vermeintlichen und verwandelten Wirklichkeiten erstrecken sich von abstrakten Bildkonstruktionen über Transformationen im Material der Fotografie bis zu Narrativem und zum traumgleichem Surrealismus.

Eva Asaad betrachtet in ihren "Häutungen" die äußere Hülle, das "Schutzschild" des Menschen, und verbindet diesen Blick mit einer Sensibilisierung für die Haut der Dinge, in Bildern, die sowohl Verletzlichkeit als auch Widerstandskraft ausstrahlen. Armin Bardel setzt sich zum Ziel, "real vorhandenes festzuhalten und zugleich dessen oberflächlichen Schein zu (durch-)brechen." Seine Bilder entstehen meist in Serien, jedoch steht jedes Bild für sich, gleichermaßen als ikonisch-poetische Metapher, und könnte eine ganze Geschichte erzählen. Horst L. Ebner Narrative Elemente findet Horst Ebner in der Landschaft und der Materie, aus der sie besteht. "Manche offensichtlichen Motive lassen Platz für Geschichten", die dem Betrachter offen bleiben. Hier zeigt er Bilder aus seiner Steinzeit-Serie, die nie abgeschlossen sein wird, an der Gail bei Grafendorf fotografiert. Beba Fink recherchiert die Eigenschaften des fotografischen und andern Materials: durchleuchtet, belichtet, neu, präsentiert bzw. projiziert, entstehen aus Öl oder Bläschen amorphe Gebilde, als Direktaufnahme oder Fotogramm bearbeitet. Dadurch wird das Bild zum Objekt, und jedes Bild zu einem zeitlichen Unikat. Wolfgang Hölbling untersucht in dichten schwarz-weiß Fotografien das Verhältnis des Menschen zur Umwelt: "Einerseits das was ist und nur ohne uns ist, andererseits das gestaltete Umfeld und was es aus/mit uns macht." Durch die Entfremdung wird eine neue, subjektive Annäherung an das Motiv möglich. Irmgard Hummitzsch arbeitet mit Fotocollagen, in denen kaum mehr wiedererkennbare Elemente zu unerwarteten, abstrakten Konstruktionen zusammengefügt werden. "Oftmals versuche ich eine Irritation im Auge des Betrachters auszulösen - durch größtmögliche Reduktion wird der Blick frei für ein Spiel mit Gegensätzen".

Gabriela Jost beschäftigt sich mit der "Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen, teilweise sich widersprechenden Wahrnehmungen", die durch Schichtungen und Überlagerungen dargestellt werden. Sie
verarbeitet gängige Klischees zu politisch-sozialen Aussagen, denen aber auch der Humor nicht abhanden gekommen ist. Urs Kahler arbeitet ausschließlich mit der analogen Fotografie - seine Portrait-Collagen entstehen durch geheimnisvolle chemische Prozesse in der Dunkelkammer, deren Möglichkeiten, wie er sagt, noch lang nicht ausgeschöpft sind. In der hier ausgestellten Serie wurde ein einzelner Portrait-Ausschnitt zu sechs Unikaten umgestaltet. Lenart Kirbis arbeitet hauptsächlich in den Bereichen Modefotografie und urbanes Leben. Seine Bilder sind ironische, empfindliche Berührungen, im Wirbel einer Metropole zwischen Glamour und Subkultur aufgespürt. Gerhard Maurer hat ein Jahr lang immer wieder das verlassene, verfallende Hotel Obir besucht und die Räume und ihre Atmosphäre in sich aufgenommen. In seinen Fotografien wurde das Hotel zu einem stillen Mahnmal für Vergänglichkeit, "ein stiller, manchmal unheimlicher Ort, trostlos und tröstend zugleich". Der "Augenblick" der Fotografie verweist auf viele, vergangene Ausgenblicke. Christine Ottowitz arbeitet analog, mit direkten und physikalischen Techniken der Fotografie. Die vergessen geglaubte und wiederentdeckte Technologie des Polaroid, und Belichtungen auf Büttenpapier oder Leinen, mit einer lichtempfindlichen Emulsion behandelt, verleihen ihren Arbeiten etwas unmittelbares wie auch geheimnisvolles. Pamina Klimbacher schafft durch Überlagerungen narrative, allegorische Bilder, die sich einem Traumzustand annähern, um "Momente darzustellen, die eigentlich nicht fotografierbar sind". Ihre poetischen und teils surrealistischen "Wirklichkeiten" sind sowohl subjektiv als auch analytisch, von spielerischer Absurdität und gleichzeitig tiefem Ernst gezeichnet. Christine Ragger schafft lyrische Blicke auf Landschaften oder Räume, die, allem Anschein zum Trotz, so fein komponiert sind, dass sie fast als abstrakte Konstruktionen gelten könnten. Die fast gänzliche Abwesenheit von Farbe entrückt die Bilder der ihnen vorausgegangen Wirklichkeit, und erwirkt den Einstieg in eine Welt, in die der Betrachter eigene Assoziationen einfließen lassen kann. Klaus Zlattinger s abstrakte Bildkonstruktionen bestehen aus Collage-Elementen, die so weit vom realen Kontext losgelöst wurden, dass sie zuerst in ihrer formalen Funktion als Struktur, Linie und Form wahrnehmbar sind. Er beschreibt sie als "neue assoziative Wirklichkeiten, die als „Secret Places“ manchmal zu gegenständlicher Interpretation verleiten". Die künstlerische Fotografie wird hierzulande noch immer nicht durchgehend als eigenständiges Medium der bildenden Kunst aufgefasst. Die Vielfalt der hier gezeigten Positionen, der Tiefgang und die Komplexität der Werke im Einzelnen und in Summe, sollen diesem Tatbestand maßgeblich entgegenwirken.

Sibylle von Halem

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